In den endlosen Verästelungen des Gespinstes aus Magie und Zeit liegt diese, unsere Welt, ein Ort, dessen Schönheit einst so facettenreich war, wie keine zweite: Schneebedeckte, die Himmel selbst berührende Bergspitzen wechselten einander ab mit finsteren, geheimnisvollen Tälern, gewaltigen Wäldern und klaren, heilspendenden Flüssen. So weit das Auge reichte, waren saftiggrüne Weidegründe und rotglühende Sandwüsten, wogende Meere, unzählige Wildherden und Fischschwärme.
Diese Welt voller Magie war geschaffen worden von den beiden, die man einst die Großen Alten genannt, von L'Arin, dem Lichten und Gerechten und von Zathuur, dem Herrn allen Übels und der Finsternis. Wiewohl sie ungleiche Brüder waren, war lange Millenien Eintracht zwischen ihnen. So gaben sie ihrer Welt Leben und einen Namen: Shirasei und alsbald schied sich ein jedes Ding nach ihrem Willen.
Vom Weltenbrand und dem Bau des Walls
Mächtige Reiche entstanden und Städte voller Glorie wurden geboren. Doch es kam wie es einst geweissagt ward in den drei Prophezeiungen: wo Licht herrscht, kann kein Dunkel sein. Wo Finsternis knechtet, fehlt jedes Licht. Wo Licht und Finsternis gemeinsam wüten, vergeht alles Leben. Mit der Macht kam auch der Hass und bald ward Krieg, wohin man sah und die Welt ward gewandelt in ein einzig flammenumlodert Schlachtfeld. Mit Schwert und Magie, mit Wort und Wut wurde Krieg geführt, verbittert um einen jeden Fußbreit Boden und eine jede Seele. Finsternis focht wider Licht, Licht wider Finsternis - am Ende stand ganz Shirasei in Flammen, von den Gestaden der Nebelinseln im Westen bis zu den zerklüfteten Weltendegebirgen, von Cairii im Norden der Welt bis hin gen Simplon im Süden.
Die Göttlichen entsandten ihre unermesslichen Heere und sie wurden von Johannes dem Wegbereiter für das Licht und Gwynion dem Lorddämon für die Finsternis geführt. Als jedoch zu Cairii der Weltenbrand begann, da fiel L'Arin der Lichte und Gerechte, er entschwand und ihm hernach folgte Zathuur, den Triumph zu vollenden. Doch auch in der Niederlage seines Herrn und Vaters wich der Wegbereiter nicht und so ergiff Johannes das heilige Schwert des Lichts und warf seinen eternen Widersacher, den Dämonenlord, am Ende nieder. Die Welt aber versank in Feuer und Asche, Armageddon.
Nach seinem Siege schließlich errichtete der Erzengelsfürst Johannes eilends den Großen Wall, das Schwert des Lichtes in der rechten Faust, die Standarte des Dunkels, welche vormals des Gwynions mächtigste Waffe gewesen, in der linken. Er schuf damit ein wundermächtiges Bollwerk wider die Rückkehr des großen Übels und die Wacht über dieses Bollwerk übertrug er jenem uralten Orden, der dem Wegbereiter schon so lange ergeben war, den Hütern des Lichts, welche man hernach nur noch die Hüter des Walles nennen sollte. Danach verließ er Shirasei und ward seither nicht mehr gesehen. Seitdem galt die Welt als tot, verheert und wurde im Laufe der Jahrhunderte vergessen von der Geschichte und den Ränken der Götter.
Doch die Welt der beiden großen Alten war nicht vergangen. Auch wenn viele der alten Stätten zerstört und geschliffen waren, ihre Bewohner waren es nicht. Aus den Ruinen des Armageddons errichteten sie neue Siedlungen, abgeschottet von der Außenwelt durch den Großen Wall erblühte Shirasei zu neuem Leben. Allen voran aber stieg ein strahlendes Reich auf, welches man heute nur noch das Kaiserreich nennt. Als Erben des Wegbereiters betrachteten sich die Kaiser, ein jeder versucht, die Werke des Lichts ewiglich fortzuführen. Die Finsternis und ihre gefürchteten Schwarzmagier wurden geächtet und verfolgt, der L'Arinsglaube zur alleinigen Religion erklärt. Ein jedes Abweichen wurde verfolgt, erbarmungslos und ohne Gnade wütete der Kaiserliche Bannorden unter jenen, die der Finsternis huldigten oder ihr vermeintlich oder wirklich zu verfallen drohten.
Am Ende war es der Große Wall selbst, der Veränderungen einleitete. Er verhinderte in all den Jahrhunderten die Rückkehr der beiden Alten und so erwachten und offenbarten sich den Sterblichen neue Götter, die Urgewaltigen: Merron der Wanderer, Urda die Gigantin und Khordos der Vierarmige. Wo sie Einfluss nahmen, entstanden neue Religionen und Kulte, fochten die Ihrigen einen langen Kampf um Ebenbürtigkeit. Trotzdem blieben die beiden Alten, welche diese Welt geschaffen und bis ins Mark geprägt hatten, immer unvergessen. Neue Mythen rankten sich um die Überlieferungen und Heldenepen des vergangenen Zeitalters, neue Legenden um die Wundertaten und Mysterien, die noch immer im Namen der Alten vollbracht wurden.
Der Kaiser aber rief Frieden unter den Sterblichen aus. Er und nur er allein war Herr über Shirasei, gebietend dem Weltenrund von den ewigen Mauern Heliopolis', der größten und herrlichsten Metropole des Kaiserreichs. Sein Güldener Palast der tausend Kuppeln war eine Stadt in einer Stadt, der Nabel der Welt - einer neuen Welt - angefüllt mit den Wundern von Äonen, errichtet für die Ewigkeit.
Vom Blutfall des Mondes und dem Wandel der Zeit
Niemand hätte gedacht, dass die Zeit der fortwährenden Blüte so jäh vorbei sein würde, doch vor einem halben Menschenalter geschah etwas, dass keine Welt zuvor je erdulden musste. Eine der vier leuchtenden Mondscheiben, welche Shirasei in einträchtigem Reigen umrundeten und selbst die finsterste Nacht erhellten, war sieben mal sieben Tage lang wie in Blut getaucht. Am fünzigsten Tage aber zerbrach ihr Antlitz am Firmament in glühenden Lanzen und tauchte die Welt in einen Regen aus Blut, Feuer und Schwefel.
Wo der Blutfall des Mondes die bebend Erde zerfetzte, da spie sie als Echo feuriges Verderben in den düsteren Himmel. Voller Pein erhoben sich die Ozeane und verschlangen ganze Kontinente, rissen gar Teile des uralten Weltendegebirges in ein klammes Grab. Und wo die der Ewiglichkeit trotzenden Berggifel vergehen mußten, waren die Sterblichen nichts als Stroh im Winde. Ihre Zauber zerbarsten und alle Magie floh der Welt für lange Zeit. Wer nicht von den entfesselten Elementen vernichtet wurde, der irrte schutzsuchend umher und kämpfte mit der Not der mageren Jahre in den kargen Ruinen der Zivilisation. Das Elfwintersgrau war angebrochen und der Tagstern schien Jahr um Jahr so schwach, als wäre er an des vierten Mondes statt zerborsten.
Als endlich Schneegestöber die Flammensäulen und Feuersbrünste löschte, legte sich ein weißgrauer Schleier über die Ruinen des Mondenfalls und nahm sich der Toten an. Wenige Stätten blieben verschont und nur des Kaisers Kontinent, das Weltenherz, wurde auf Sein Geheiß zum schützend Hort für die Würdigsten. Was das Kaiserreich an Kraft aufzubieten vermochte, es wurde im Herzen der Welt zusammengetragen und floss in die Stärkung der letzten Bastionen. Hinter den arkanen Mauern der kaiserlichen Bollwerke, geschützt durch beständig erneuerte Runensiegel, hielten die Garnisonen der Kaiserwehr die Ordnung aufrecht, schirmten die Tore gegen die Unrast der Naturgewalten und den Ungehorsam derer, die das Wenige zu rauben versuchten.
Als das Elfwintergrau allmählich seinen Totenschleier von den äußeren Provinzen des Kaiserreiches nahm und die wunde Welt zu einem ersten, zaghaften Frühling erwachte, endete das kaum vollendet Millenium des Lichtes im Kaiserreich. Ein neuer Kaiser bestieg den Sonnenthron, absagend den alten Religionen, welche das Reich nicht zu beschützen vermocht hatten. Er sandte seine Herolde aus, um Kunde in die Welt zu bringen, dass die Blüte der Zivilisation nicht verloren war. Und wo immer das Banner des neuen Kaisers aufgepflanzt wurde, da beugten die Überlebenden des Blutfalls ihr Knie vor dem Sonnenthron zu Heliopolis, dienten erneut dem Kaiserreich, das nicht einmal der Blutmond hatte gänzlich tilgen können. Wo Ruinenfelder von einst machtvollen Metropolen kündeten, wurden Außenposten neu errichtet und mit dem Nötigsten bemannt. Noch immer herrschte Mangel auf dem Weltenherz und so beanspruchte der neue Kaiser bald mit eisern Faust erneut all das, was einstmals des Lichtes Eigen gewesen.
Seiest Du Mensch, Elb, Ork, Zwerg, oder einer anderen Art entstammend; Du wirst das Schicksal Shiraseis in den Händen halten, denn Du bist einer jener Helden, welche ihre Wappen in die zurückweichende Wüstenei hinaustragen, um in des Kaisers Namen die Schätze aus den glorreichen Tagen vor dem Mondenfall zu bergen, neue Mächte zu schmieden und die Geheimnisse zu entdecken, welche in den Trümmern der Vergangenheit schlummern.
Proklamiert und niedergeschrieben durch die Kaiserliche Heroldskanzlei
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